Die Energie des Lebens – die Lebenskraft, die uns gegeben ist.

Liebe Freundinnen und Freunde,

eigentlich würden wir jetzt zusammen sitzen in der Studienwoche in Schönböken, aber die gegenwärtige Situation lässt dies nicht zu, deshalb auf diesem Wege eine etwas andere Art von Teisho. 

Zu Beginn jedes Teisho rezitieren wir den Vers: „Dem wunderbaren, subtilen Dharma ist schwer zu begegnen. Doch wenn wir unseren Geist tief in die Mitte des jetzigen Augenblicks unserer Existenz hineinwenden, können wir dieses subtile Wirken, diese subtile Wahrheit, unmittelbar erhalten, leben und weitergeben.“

Normalerweise rezitieren wir diesen Vers zusammen, doch heute in dieser besonderen Zeit und Situation können wir ihn „nur“ jeder für sich selbst rezitieren und gleichzeitig - alle Wesen darin versammelt fühlen. Und wir können der friedvollen Stille, die dahinterliegt, gewahr werden.

Man mag sich fragen: Wo ist der Dharma jetzt?

In einem Moment der Stille können wir uns daran erinnern, dass der Dharma keine Welt außerhalb von uns ist, sondern das Leben, das wir erhalten haben; die Realität, dass wir geboren sind, zusammen mit der ganzen Schöpfung und im Rhythmus ihres lebendigen Flusses atmen, ohne Unterlass geboren werden, in die friedvolle Fülle des Kosmos zurückkehren, „leer“ werden können von „ich“, und neu geboren werden, Augenblick für Augenblick. Dharma bedeutet, aus dieser Kraft der Schöpfung werden simultan auch die Tage geboren und alle Formen des alltäglichen Lebens. In der Stille des Herz-Geistes können wir davon ein „Gewahrsein“ erhalten, eine tiefe Ahnung.

Katagiri Roshi sagte: „Der Dharma, unser Leben ist immer schon da, bevor wir sie denken können, doch damit das Leben Gestalt annimmt, „müssen“ wir etwas tun, d.h. wir sollten versuchen, Handlung und Geist zusammen zu bringen mit der Kraft und Präsenz des  Jetzt, gerade auch in den kleinen Dingen, die jetzt im Augenblick geschehen, z.B. die Hände in Gassho zusammenlegen und sich verneigen oder eine Tasse Tee oder Kaffee zu trinken, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein oder beim Einkaufen. Denn genau das ist unser Leben, wie es jetzt fließt.

Da wir aber einen so großen Kopf haben, der sich in ganz anderen Welten aufhalten kann, ist dies für uns Menschen nicht so leicht. Diese Tatsache müssen wir trotzdem akzeptieren und uns mit Freundlichkeit und Aufmerksamkeit bemühen, Körper und Geist zurück zu bringen ins Jetzt, so wie wir eine Kuh, die sich verlaufen hat, auf ihre eigentliche Weide zurückbringen. Da wir menschliche Wesen sind, können wir den Denkprozess nicht einfach stoppen, doch um die Bedeutung des Lebens wirklich zu verstehen, müssen wir das Denken überschreiten und die unermessliche Dimension des Lebens direkt erfahren, durch unseren eigenen Körper und Geist. Das ist der Hintergrund unseres Zazen.“

Wenn die Probleme zu groß und übermächtig scheinen, wünschen wir uns manchmal, dass ein allmächtiger Gott sie für uns löst oder wir einfach aus einem Traum aufwachen könnten.

Es ist nichts Falsches daran, auf eine größere Macht zu vertrauen, auf etwas, was das Ich übersteigt. Dennoch sollten wir uns selbst, mit Demut, innerhalb dieser Kraft aufrichten, und dann kann „Etwas“ uns helfen - aus der Natur desjenigen Geistes heraus, welcher „weder sucht noch flieht“. Dieser Geist ist nicht weit weg, er ist jetzt in uns, bei uns, durchdringt eigentlich alles. ER ist vielleicht unser eigentliches Leben, er ist der letztendliche Zufluchtsort, in den wir uns hineinwenden, wenn wir sagen: Namu kie Butsu, namu kie Ho, Namu kie So (Ich vertraue mich Buddha, Dharma, Sangha an).

Solches vertrauensvolle „sich hinein wenden“ in die Handlung, die Aktivität oder Dynamik des konkreten Jetzt, können wir zum Pulsschlag unserer Praxis werden lassen, als „Zazen in den alltäglichen Handlungen“. Und immer wenn sich die Gelegenheit bietet, können wir zurückkommen zum eigentlichen Sitzen.

(Ich hoffe von Herzen sobald wie möglich im Dojo oder im Sesshin.)

Katagiri Roshi sagte: „Wenn ihr Euch auf den Dharma stützt, kann reine Energie auftauchen und in Eurem täglichen Leben erscheinen. Sie kann Euer Leben erwecken, weil die ursprüngliche Energie Buddhas in Euch lebendig wird.

Mit diesem Hintergrund könnt Ihr Euch der Frage stellen: Was soll ich tun? Bevor ihr pessimistisch werdet oder in Zweifeln versinkt, könnt ihr folgendes realisieren: Direkt hier steht eine Frau oder ein Mann, die/der Euren Namen trägt, es ist Eure Gestalt, Eure Realität - die genau in der Mitte einer großen Realität existiert, die bereits „da ist“ vor Euren Fragen. Aus der Mitte dieser Realität heraus könnt ihr Euch aufrichten.“

Dieses „sich aufrichten“ ist keine willentliche Anstrengung, es ist Hingabe, in der eine große Kraft und Zuversicht liegt.

Wenn wir einen Augenblick zu dieser Einfachheit und Demut zurückkommen können, können wir auch inmitten von großen Einschränkungen oder Schwierigkeiten einen tiefen Geschmack unseres eigentlichen Selbst erhalten - Deshimaru Roshi sagte: - „Eines Selbst das getragen wird durch das ganze Universum und das bereits in uns ist, wenn wir ihm Raum geben, so wie der ruhige volle Mond, der sich im reinen Wasser des Geistes niederlässt.“

Ich danke Euch für Euren Geist des WEGES.

Herzlichst 

L. Tenryu

1. Woche im April 2020

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