Die Stille des großen Spiegels

Katagiri Roshi: "Die ursprüngliche Natur der Existenz ist in Eurem Leben immer präsent, aber wenn Eure reine Natur durch irgendein (nur) intellektuelles Verständnis befleckt ist, wisst Ihr nicht wirklich, wie man in Frieden leben kann. Ihr wisst es nicht, weil es zwischen der reinen Natur Eurer Existenz und den Objekten, die durch Euer Bewusstsein laufen, eine Art Schleier oder Vorhang gibt.

Wenn Ihr Erwachen erlangt, fällt der Schleier Eures menschlichen Bewusstseins ab und Ihr schaut in den großen Spiegel. Eure reine Natur wird darin reflektiert, aber Ihr seht nichts weiter als Bewegung - ständige Wandlung. Diese Bewegung ist die reine Natur Eurer Existenz. Von Moment zu Moment kommt reine Energie auf, in Form Eures eigenen Menschenlebens.

Ihr könnt Eure eigene Reinheit nicht objektiv sehen, aber Ihr könnt Eure reine Natur durch ein Leben mit Mitgefühl und mit freundlicher Aufmerksamkeit erfahren. Es ist das gleiche mit Euren Augen. Euer Auge kann sich selbst nicht sehen. Es kann sich nur sehen, wenn es in einem Spiegel reflektiert wird. Aus diesem Grund brauchen wir den großen, ruhigen Spiegel, der die ursprüngliche Natur des Lebens reflektiert, um das Menschsein tiefgehend zu verstehen. Wenn wir mit diesem Spiegel vertrauter werden, können wir unser Bestes versuchen, um uns diesem Spiegel anzunähern und mit dieser Energie zu arbeiten."

Zen-Geist oder Hishiryô, „Denken aus dem Grunde des Nicht-Denkens“ meint, dass die verschiedenen Partien des Gehirns, des Nervensystems, die Sinneseindrücke und Empfindungen harmonisch zusammenarbeiten. Darin wirkt immer ein „Geheimnis“ mit, etwas Ungreifbares, eine subtile, wechselwirkende Vernetzung, die sich als Stille des großen Spiegels manifestiert.

Als Tozan sein Spiegelbild im Fluss sah, erfuhr er einen tiefen Schock. Er war tief versunken in den Hintergrund des „Nicht-Denkens“ oder des stillen Spiegels, und aus dieser „Versunkenheit“ heraus realisierte er plötzlich tief die Verbindung zwischen Spiegelbild und Spiegel, und er erwachte zum Hintergrund des großen Selbst.

Katagiri Roshi: "Damit eine Spiegelung überhaupt erscheinen kann, muss das, was gespiegelt wird, bereits existieren. Bevor Eure persönlichen Gedanken, Gefühle oder Wahrnehmungen auftauchen und Ihr über Euch nachdenkt und Euch fragt, wer Ihr seid, gibt es da schon etwas. Etwas ist bereits lebendig. Wir nennen es das große Selbst, aber eigentlich ist es die Unermesslichkeit der Existenz. In anderen Worten, die Natur der Leerheit. Und dort geschieht etwas. Es gibt einen Impuls, der mitten in der Leerheit etwas zum Vorschein bringt. Ohne diesen Impuls kann nichts erschaffen werden."

Wenn wir uns durch den ganzen Körper in Zazen setzen oder etwas tun, wie z. B. einen Weg harken, dann ist der „Geist des ganzen Körpers“ schon da und präsent, doch parallel dazu mag ein Teil des Bewusstseins gefangen sein in einer individuellen Karma-Welt oder Samsara-Welt, aus der es sich nicht befreien kann. Befreiung kann hier nur geschehen durch das „Öffnen“ der Hände des Denkens. Der Impuls dafür wird gegeben, wenn wir das Bewusstsein in sich selbst hinein wenden, und dabei hilft uns der „Geist des ganzen Körpers“.

In einer Verfassung der Öffnung und Sammlung des Geistes – Samadhi – scheint das Erscheinen und Gehen der Gedanken und Empfindungen verlangsamt zu sein, deshalb werden wir erst dort der Wirklichkeit gewahr, dass dieses Erscheinen und Verschwinden eine Aktivität oder Dynamik der Natur der Leerheit ist oder des großen Spiegels. Loslösung ist dann die natürliche Verfassung des Geistes, und sie mündet in die Stille des großen Spiegels.

Katagiri Roshi: "Wenn ihr Eure Spiegelung betrachtet, kommt sie aus der Leerheit, aber sie verschwindet sofort wieder und kehrt in die Leerheit zurück. Im nächsten Moment erscheint eine neue Spiegelung. Eure Spiegelung kommt und geht ständig. Das einzige was bleibt, ist die Unermesslichkeit der Existenz. Diese Unermesslichkeit ist Euer wahres Selbst.

Wenn ihr Euer Spiegelbild betrachtet und glaubt, dass dies Euer wahres Selbst ist, dann ist es ein Missverständnis. Das bedeutet aber nicht, dass Ihr Eure Spiegelung ignorieren könnt.

Ohne mein Spiegelbild kann ich nicht sehen, dass ich existiere. Das wahre Selbst und sein Spiegelbild sind nicht das Gleiche, aber sie sind nicht getrennt. Euer Spiegelbild ist nicht die wirkliche Wahrheit, aber ohne dieses Spiegelbild könnt Ihr die Wahrheit nicht sehen, Euch nicht selbst verstehen.

Wenn Ihr deshalb Euer wahres Selbst sucht, mit Eurem gewöhnlichen, dualistischen, menschlichen Bewusstsein, werdet Ihr es nie finden."

Wenn wir aufstehen von Zazen, oder nach dem Sesshin, freuen wir uns in gewisser Weise, unser neues-altes Selbst wieder zu finden, unser individuelles Selbst – wie einen alten Bekannten, der doch verwandelt ist. Wir lernen Hand in Hand zu gehen mit dem großen Selbst. Dieses „Hand in Hand zu gehen mit dem großen Selbst“ bedeutet, dass wir letztendlich „allein“ gehen können. „Allein gehen“ bedeutet, dass unser Leben und Handeln so etwas werden kann wie ein großer Baum oder ein großer Berg, der vielen Wesen Schutz, Respekt, Raum und Liebe geben kann.

Durch dieses geläuterte Selbst können wir tiefer den Schmerz, die Trauer, die Selbstbezogenheit, aber auch die tiefe Freude der Existenz fühlen. Diese Erfahrung wird zu einer Weisheit der Stille und führt uns zu einem tieferen Verständnis des menschlichen Daseins.

Deshimaru Roshi: "Mitten in Eurem Leben seid Ihr alleine, aber dieses Alleinsein ist verbunden und durchdrungen mit allen fühlenden Wesen."

In der Präsenz oder Gegenwart von Meister Deshimaru konnte man sehr stark diese große, würdevolle Weise von „Alleinsein“ und die gleichzeitige Verbundenheit mit allem fühlen. Deshalb war die gemeinsame Praxis mit ihm eine Herzensangelegenheit. Diesen Herz-Geist können wir lebendig halten und weiter übermitteln. Darin sind Meister und Schüler eins, und auf der Grundlage dieser Einheit führt die Einzigartigkeit der verschiedenen Menschen dazu, dass eine neue Frucht reift, in ihrer Zeit.

Sawaki Roshi zitierte manchmal Yoka Daishi mit den Worten: „Selbst wenn uns zehntausend Meilen voneinander trennen, so sind unsere Augenbrauen doch fest verbunden“.

In diesem Geist können wir zusammen gehen auf dem WEG.

In der Hoffnung, dass wir bald wieder gemeinsam unsere Zagus ausbreiten können, bitte bleibt gesund.

Herzlichst

L. Tenryu

5. Woche im April 2020

© Zen-Vereinigung Deutschland e.V.  2007-2020
Logo urheberrechtlich geschützt.