Die ursprüngliche Quelle ist rein und klar (Sandokai)

Die ursprüngliche Quelle ist rein und klar. Allein die Nebenflüsse sind verschmutzt. … IN vollständiger Dunkelheit gibt es Licht, IM Licht existiert Dunkelheit.“ Jenseits der Gegensätzlichkeit von Licht und Dunkelheit, die uns allen geläufig ist, gibt es im Zen-Weg die Dimension der Dunkelheit als Quelle, Geistverfassung der Nichtunterscheidung oder Natur der Leerheit, die alles enthält, und zu der wir zurückkommen sollten, so oft es geht.

Und es gibt das Licht als den Raum der Unterscheidung oder des sichtbaren Aspektes der unzählbaren Erscheinungsformen, die, jede für sich, einzigartig sind, durch ihre direkte Verwurzelung in Ku, der Natur der Leerheit. Diese beiden Dimensionen bedingen sich wechselseitig vollständig, durchdringen sich und sind ineinander enthalten.

Das Erwachen zu dieser Wirklichkeit ist das Wesen des Erwachens zur Ganzheit, des Erwachens der Ganzheit in uns, im Menschen, in allem. Das ist ausgedrückt in der Silbe, dem Schriftzeichen, KAI des Sandokai.

Dieses „KAI“ bedeutet letztendlich die reine Praxis selbst, das eigentliche Zazen. Wenn wir dieses eigentliche Zazen kultivieren und verinnerlichen, haben wir eine gute, wesentliche Grundlage für unser alltägliches Leben, ein wahres Licht in der Dunkelheit.

 „Die ursprüngliche Quelle ist rein und klar, allein die Nebenflüsse sind verschmutzt“, sagt Meister Sekito im Sandokai. „Die Nebenflüsse“ meint die 6 Bewusstseinsarten. Also die Tätigkeit der 5 Sinne, das daraus entstehende Sinnesbewusstsein und das sie verknüpfende Ich-Bewusstsein. Wenn diese „Nebenflüsse“ „verschmutzt“ sind, ist die ursprüngliche Quelle nicht mehr fühlbar. „Verschmutzt“ bedeutet dass die 5 Sinne und das verknüpfende Bewusstsein an ihren Objekten anhaften und sich in ihre Anziehungskraft verstricken. Das erfahren wir Tag für Tag in unserem Leben.

Doch selbst wenn wir uns immer wieder verstricken, erfahren wir dennoch auch, dass von der reinen Quelle etwas präsent bleibt in uns, etwas das uns leitet, sodass wir zu ihr zurückkommen können. Und es ist die ruhige Aktivität dieser reinen Quelle selbst, die die Nebenflüsse reinigt, wenn wir uns ihr anvertrauen. 

„Reinigen“ oder „Erneuerung“ bedeutet, dass die 6 Bewusstseinsarten sich klären und erneuert werden durch frisches Wasser aus der Quelle, die nicht versiegen kann und die wir in unserer Praxis berühren können. Und dann können wir aus dem Innersten heraus, im Prozess der Praxis selbst, verstehen, dass es in Dunkelheit Licht gibt und im Licht Dunkelheit, und dass der Geist, in Verbindung mit der reinen Quelle, über die Gegensätze hinausgehen kann. Körper, Herz und Geist können sich in dieser Welt der Stille jenseits der Gegensätze erholen und daraus eine reine, klare Energie erhalten.

Wie Ihr wisst meint Sitzen, Zazen oder Praxis an sich, für eine Weile von der bewegten, vergehenden Zeit an der Oberfläche des Bewusstseins, in die Welt der Zeitlosigkeit zurückzutreten, die als immerwährender Grund in der Tiefe jedes Augenblicks enthalten ist. Wir sollten dies immer wieder erinnern.

In Zazen, Kinhin, Sampai sollten Körper und Bewusstsein so vollständig wie möglich eins werden mit der Haltung jetzt, mit der lebendigen Wirklichkeit und Zeit des Seins.

Im Strom der vergehenden Zeit kann man das Erreichte nicht festhalten, und so kann man allein an der Oberfläche des Stromes der Zeit keine wahrhaft tiefe Befriedigung noch Frieden finden. Allein gebunden an der Oberfläche des Stromes der Zeit und abgeschnitten in den „Nebenflüssen“ wird unser Leben durch die Vergänglichkeit abgenagt und verschwindet. Jeder Mensch sollte eine Möglichkeit haben, einen klaren Weg zu entdecken, um zur Dimension der tiefen, stillen, umfassenden Zeitlosigkeit zurückzukommen, um aus solcher Quelle heraus neu leben zu können. Denn dann bedeutet die Erfahrung des Vergehens eben auch, dass die Kraft für etwas Neues frei wird, dass wir den nächsten Schritt tun können.

„Alltag“ bedeutet dann, aus dem Hintergrund oder der Tiefe der Zeitlosigkeit in den Strom der Zeit einzutreten, jeden Tag neu. Oder anders gesagt: Unser Leben, genährt durch die Quelle oder Stille am Grunde, dann auch an der „Oberfläche“ des Stromes und in den Nebenflüssen klar zum Ausdruck zu bringen.

Deshalb sollten wir auch nicht versuchen, in der Zeitlosigkeit selbst zu verharren. Es geht darum einzutauchen und aufzutauchen, einzutauchen und aufzutauchen und an keiner Seite zu haften.

Am Ende einer langsamen, sachten Ausatmung kann unser Bewusstsein eintauchen in die „Dunkelheit“ der „Nichtunterscheidung“. Doch diese Dunkelheit ist nicht dunkel, sondern sie ist unbegrenzte Weite oder die Unbegrenztheit des Geistes. Auftauchen bedeutet dann, dass etwas von der Präsenz dieser tiefen Natur mit uns auftaucht, in unser tägliches Leben hinein und uns begleitet.

In einer solchen Ausübung/Erfahrung von Weg-Geist können wir immer umfassender vertraut werden mit dem Wesen unserer Existenz an sich. Zazen ist ein solcher Weg. Und gerade in unserer Zeit ist dies fundamental wichtig.

Ein alter Meister sagte:

„Wenn Ihr mit voller Hingabe übt, werdet Ihr am Ende zu dem letztendlichen Ziel gelangen, zur Stille. Wenn Ihr das Herz der Existenz berührt und die fundamentale Wahrheit Euch berührt, gibt es nichts mehr zu sagen. Ihr seid einfach gegenwärtig in der Stille.

Diese Stille kann Euer Leben wirklich lebendig machen, denn selbst wenn Ihr gar nichts sagt, ist diese Stille sehr ausdrucksstark. Auf diese Weise bringt sich der Weg der Buddhas zum Ausdruck - durch die Handlung und Gestalt einer Person, die mit der klaren und reinen Tiefe der menschlichen Existenz verbunden ist.“

Herzlichst 

L. Tenryu

1. Woche im Februar 2021

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